Klausurtagung des LFV Bayern mit dem Bayerischen Staatsministerium des Innern zum Thema Integrierte Leitstellen an der Staatlichen Feuerwehrschule Geretsried
09.05.2006 - 21:37 Uhr
Geretsried. Mit der Hard- und
Software der künftigen Integrierten Leitstellen in Bayern, der neuen
Alarmierungsbekanntmachung, der Schutzkleidungsnorm EN 469 sowie dem
Digitalfunk beschäftigten sich am 28. und 29. April 2006 die bayerischen Stadt-
und Kreisbrandräte auf der zweitägigen Klausurtagung, zu der der
Landesfeuerwehrverband Bayern zusammen mit dem Bayerischen Staatsministerium
des Innern an die Staatl. Feuerwehrschule Geretsried eingeladen hatte.
Beeindruckt zeigten sich die Führungsdienstgrade von der neu eingerichteten Integrierten Lehrleitstelle (ILLS), in der die künftigen Disponenten bayernweit ausgebildet werden. Alleine 16 Kilometer Kabel und Leitungen wurden im Leitstellengebäude verbaut. „Hier sieht man, was man unter einer Integrierten Leitstelle versteht“, erklärte Leitender Ministerialrat Karlheinz Anding. Im Juli soll Staatsminister Dr. Beckstein die Leitstelle offiziell in Betrieb nehmen und im Oktober der erste Leitstellenlehrgang starten. Durch ein bundesweit einmaliges Konzept erwarten sich die Verantwortlichen eine „neue Qualität der Feuerwehralarmierung“, die den Bürgerinnen und Bürgern dient, weil Feuerwehr und Rettungsdienst durch eine zügigere Alarmierung schneller am Unglücksort sind, um helfen zu können. Auf eine zügige Einführung der neuen Integrierten Leitstellen drängt das Innenministerium - 11 von 26 Betreiberentscheidungen wurden getroffen. In weiteren zehn Leitstellenbereichen ist eine Betreiberentscheidung bis Ende des Jahres angekündigt. Eine "Sogwirkung" erwarten die Verantwortlichen des Ministeriums, so dass auch die Städte und Landkreise, die die Entscheidung über die Integrierte Leitstelle bislang nicht angepackt haben, die Umsetzung in Angriff nehmen.
Der Einstieg in die Klausurtagung erfolgte mit der Vorstellung des Konzeptes der künftigen Integrierten Leistellen in Bayern. Baurat z.A. Andreas Sirtl stellte in seinem Vortrag den Aufbau und die verschiedenen Zusammenhänge in einem Überblick vor.
Ins Detail ging es schließlich in verschiedenen Workshops. Hier wurden die Ausbildung und Aufgaben der Disponenten einer Integrierten Leitstelle, die künftige Alarmierungsplanung und die Umsetzung der neuen Alarmierungsbekanntmachung, die neue Leitstellensoftware ELDIS III sowie die neuen und einfacheren Möglichkeiten und Tools zur Einsatznachbereitung vorgestellt.
Welche Qualifikationen die künftigen Leitstellendisponenten mitbringen müssen, auf welchem Weg sie diese erlangen können und welche Aufgaben die Integrierten Leitstellen haben werden, beleuchtete Ministerialrat Horst-Eberhard Dolle. "Die Integrierte Leitstelle ist ein leistungsfähiger Dienstleister für die Einsatzkräfte und unterstützt die Führungskräfte vor Ort", erläuterte MR Horst-Eberhard Dolle. MR Dolle weiter: „Wir legen Wert darauf, dass sich der Disponent in die Lage vor Ort hineindenken kann. Die Integrierte Leitstelle benötigt eine vorausschauende Arbeitsweise zur Unterstützung der Einsatzkräfte." Skeptisch hinterfragt wurde von den Führungsdienstgraden, "ob es wirklich besser ist als bei der Polizei, die schließlich nichts kostet?". Hier konnte Kreisbrandmeister Jochen Kümmel (Lkr. Main-Spessart) Erfahrungen aus der Umstellung im Bereich der Feuerwehrleitstelle Würzburg mit einbringen. "Die Alarmierung erfolgt zum Großteil in der gleichen Minute, in der der Notruf eingeht, was bei der Polizei schon mal mehrere Minuten in Anspruch nahm und die Einsatzleiter erhalten Hilfestellungen und werden gefragt, ob die eine oder andere Stelle noch verständigt werden soll, wenn dieser nicht daran denken sollte", berichtet KBM Jochen Kümmel.
ELDIS III heißt das künftige Leitrechnerprogramm,
mit dem künftig alarmiert und die Einsätze der Feuerwehren abgearbeitet und
dokumentiert werden. Baurat z.A. Andreas Sirtl
stellte die Oberfläche des Programms, wie die Notrufmaske, die
Einsatzmittelübersicht und die vielseitigen Möglichkeiten der Software vor.
Besonders wichtig ist die Vernetzung der Integrierten Leitstellen. Damit kann
das Meldebild aufgenommener Notrufe, die bei der unzuständigen Integrierten
Leitstelle eingehen, an die richtige Adresse weitergeleitet werden oder
beispielsweise bei einem Ausfall einer Leitstelle eine andere deren Aufgaben
übernehmen Die Vernetzung war auch ein wichtiges Stichwort für Joachim Benz, denn die künftige Nachbereitung der Einsätze und die Erstellung des Einsatzberichtes können künftig online über das Internet erfolgen. Hierzu wählt man sich in den Verwaltungsserver der Leitstelle ein. Der Vorteil besteht darin, dass man auf die aus dem Einsatzleitrechner überspielten Daten des Einsatzes zurückgreifen kann. So müssen beispielsweise keine eingesetzten Fahrzeuge, Einsatzzeiten oder Informationen über die Einsatzstelle und des Notrufmitteilers mehr eingegeben werden. Vielmehr muss der Einsatzbericht nur noch ergänzt werden. Eine weitere Funktion ist die Einsatzkostenabrechnung. Hier ist es möglich, die Kostensatzung einer Gemeinde zu hinterlegen und anschließend kostenpflichtige Einsätze abzurechnen. Für Nichtinternetnutzer besteht weiterhin die Möglichkeit, die Einsatzberichte in Papierform abzugeben.
Die neuen Möglichkeiten einer genaueren Alarmierung im Zuge der Einführung der Integrierten Leitstellen stellte Bauoberrat Johannes Buchhauser vor. Mit den verschiedenen Einsatzstichworten für Feuerwehr und Rettungsdienst lässt sich künftig eine differenziertere Alarmierung durchführen. Auch soll in Zukunft die Alarmierungsplanung gewährleisten, dass das am schnellsten verfügbare, geeignete Einsatzmittel ausrückt. Es ist beispielsweise möglich, für eine Straße in der Gemeinde A bis auf Hausnummern genau ein Einsatzgebiet zu bestimmen. Abhängig von der Situation rückt dann im nördlichen Teil der Strasse die Feuerwehr A alleine und im südlichen Teil zusätzlich die Feuerwehr des Nachbarorts B aus, weil sie den Einsatzort schneller erreichen kann. Definiert werden diese Grenzen mit Hilfe der im Leitrechner hinterlegten topografischen Karten. Welche Fahrzeugtypen an die Einsatzstelle rollen, wird durch die Einsatzmittelkette definiert, die dem jeweiligen Einsatzstichwort zugeordnet wird. Ist dort für einen Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person z. B. ein LF 16/12, ein RW und ein LF8 definiert, schlägt der Leitrechner dem Disponenten eine Feuerwehr vor, in der eines dieser Fahrzeuge stationiert ist und zwar in der Reihenfolge, wie dies in der Bereichsfolge vorgesehen ist. Gleiches geschieht für die weiteren Fahrzeuge. Ebenso ist hinterlegt, dass beispielsweise das benötigte LF8 durch ein weiteres LF16/12 ersetzt werden kann. Nach erfolgtem Vorschlag durch den Leitrechner prüft der Disponent den Alarmierungsvorschlag, ergänzt oder berichtigt diesen, wenn es nötig ist, und alarmiert die vorgesehenen Einheiten. Abzuwarten bleibt, in wie weit sich diese Art der Alarmierung bewährt, wenn im Einsatzfall nicht mehr alle Einsatzkräfte ausrücken dürfen, sondern nur ein einzelnes Fahrzeug einer Wehr angefordert wird. Diese Art der Alarmierung ist dynamisch und je nach Status eines Fahrzeugs verschiebt sich die Einsatzmittelanforderung, wenn zum Beispiel durch einen Werkstattaufenthalt ein Fahrzeug nicht am Standort steht.
Interessante und neue Informationen zum bundeseinheitlichen, digitalen Sprech und Datenfunksystems der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) konnten von Markus Klesser und Horst Schülke bekannt gegeben und diskutiert werden. Der Digitalfunk wird den mittlerweile veralteten Analogfunk ablösen. Hier ist in Bayern der Aufbau und der Betrieb der ersten Netzteile ab 2007 geplant, der 2010 abgeschlossen sein soll. Der Aufbau soll von Süden nach Norden vorangetrieben werden. Im Gegensatz zu den Mindestanforderungen an die Funkversorgung durch den Bund strebt Bayern eine verbesserte Funkversorgung des Netzes an, sodass ein Funkbetrieb mit einem Handfunkgerät in Siedlungsgebieten im Freien in Gürteltrageweise möglich ist. Die Überlappungszonen mehrerer Funkzellen führen an vielen Orten zur Erreichbarkeit in Gürteltrageweise auch im ersten Raum nach der Außenhaut eines Gebäudes. Vorteil der neuen Technologie bei der Alarmierung ist, dass am Meldeempfänger angezeigt wird, ob eine Funkversorgung gewährleistet ist oder nicht.
Den Hilfsorganisationen stehen nach Aufbau des Digitalfunknetzes, einem Bündelfunksystem im 70 cm-Band mit einer praktisch flächendeckenden Funkabdeckung, neue Funktionen mit vielen neuen einsatztaktischen Möglichkeiten zur Verfügung. Eine der neuen Funktionen ist u.a. die Bildung von dynamischen Gruppen. In einem Einsatzfall können hier z.B. alle am Einsatz beteiligten Einheiten von verschiedenen Hilfsorganisationen kommunizieren, ohne vom restlichen Funkverkehr des Landkreises gestört zu werden. Es gibt künftig einen Notruf, der z. B. auch mit Totmannschaltern ausgelöst werden kann. Für Führungsdienstgrade gibt es, falls freigegeben, die Möglichkeit der Einwahl ins Telefonnetz. Kurzmitteilungen, ähnlich wie eine SMS beim Mobilfunk, können versendet werden. Der „DMO“ (Direct Mode Operation) ersetzt den jetzigen Einsatzstellenfunk und funktioniert ohne Netzversorgung. Weitere Mehrwerte des Digitalfunks sind mehr Kanalkapazitäten und die Verschlüsselung der Funkgespräche.
„Der LFV Bayern veranstaltet nunmehr seine 5. Klausurtagung. Ich finde diese Möglichkeit des Erfahrungsaustausches, des Informationsflusses und auch des Kennenlernens als eine sehr wichtige Maßnahme“, unterstrich Landesverbandsvorsitzender KBR Alfons Weinzierl die Notwendigkeit dieser Tagung. Weinzierl weiter: „Für mich ist es wichtig, dass ich die Interessen der bayerischen Führungskräfte mit einbinden kann“. Bei der Aussprache zur Tagung galt ein besonderer Dank den Referenten und den Mitarbeiter des Staatsministeriums des Innern für die Vorstellung und Ausarbeitung der verschiedenen Workshopthemen. Ein weiterer Dank für seinen Vortrag galt Ltd. Branddirektor Josef Stümpfl. Für ein optimales Tagungsumfeld sorgte Schulleiter Dr. Christian Schwarz mit seinen Lehrkräften sowie das Küchenteam der Staatlichen Feuerwehrschule Geretsried. Auch Leitender Ministerialrat Karlheinz Anding dankte für die lange und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Landesfeuerwehrverband Bayern und insbesondere mit dem Fachbereich 7 für die konstruktive Mitarbeit bei der Umsetzung der Integrierten Leitstellen.
